Malereicollagen

2006
Virtuell-Visuell e.V, Kunstverein, Dorsten
Wiesenstraße 4
46282 Dorsten

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Malschichten

Zu Vitalität und Versteinerung im Werk von Sigrid Redhardt

Die Bilder von Sigrid Redhardt sind in vielfacher Hinsicht enigmatisch. Wuchtige Frauen- und Männerleiber stehen meist im Vordergrund, doch der menschliche Körper scheint seltsam gegenüber der normalen Realität verwandelt. Vielleicht liegt dies schon an der bildnerischen Technik: Redhardt malt nicht direkt auf die Leinwand, sondern die Figur wird auf unregelmäßigen Reststücken von Papier malerisch aufgebaut und erst dann auf den Farbgrund der Leinwand collagiert und fixiert. Die Bildfiguren sind somit eine zweite Ebene der Malerei, sind besonders präsent, da sie in einem minimalen Relief gleichsam auf der Bildebene schweben, und haben so ein besonderes Gewicht, sind nicht nur Farbschicht, sondern ihnen eignet materielle Schwere.

Diese den Figuren eigentümliche Last mag ein Grund dafür sein, daß das Bildgeschehen hier häufig wie versteinert erscheint. Gleichsam in einem negativen Pygmalion-Prozeß wird nicht der Stein Leib, sondern umgekehrt: der Leib versteinert, wird zum Fossil. Diese Figuren erscheinen trotz aller vitalen Leiblichkeit häufig uralt, sind allen immer wiederkehrenden impulsiven erotischen Motiven zum Trotz weit entfernte mythische Wesen, Fabelwesen, deren Mythos oder Fabel sich jedoch nicht unserem Alltag offenbart: Er ist nämlich malerischer Natur, die Bildfiguren sind mit ihrem eigenen malerischen Mythos eingefärbt, sie stecken in den Malschichten und Malgründen fest. Dies ist das Dilemma, wenn man so will: das innere Drama, in den Bildern von Sigrid Redhardt, die aus der Diskrepanz von Farbigkeit und Grau, Steinernheit und Leben, Vitalität und Fixiertheit ihre eigentümliche Dialektik gewinnen. Reglosigkeit und Schwere und leidenschaftliche Bewegtheit stehen in einem Spannungsgefüge. Die Welt ist hier durch den Malakt mineralisiert, glazialisiert, ausgekühlt. Paare begegnen und verbinden sich leidenschaftlich und bleiben doch regungslos, Blumen stecken in Leibeskrügen, doch ist aus diesen Vasenleibern alles Leben gewichen, wuchtige Frauenfiguren hantieren mit fruchtigen Wassermelonen, doch diese Frucht dürfte ihre Speise nicht sein. Es bleibt immer eine Unvereinbarkeit, an dem diese Bilder tragen, wobei hier – bei gleicher Bildstruktur – durchaus verschiedene Stimmungslagen zwischen heiterer Bildform und melancholischem Ernst wechseln.

Denn im Werk von Sigrid Redhardt stehen immer wieder wechselnde Erzählformen nebeneinander. Für dieses Drama gibt es immer wieder andere Erscheinungsweisen: Luftige Capriccios stehen neben wuchtigen Epen. Die „Schlangenfrau“ windet sich voller Leichtigkeit durch das Element des Wassers, wirbelt quer über den Bildgrund. 
Die „Paare“ scheinen dagegen immer schwerer, immer bewegungsloser zu werden: 
Personen werden zu Skulpturen. Eine wiederum andere Diskrepanz offenbaren die 
„Frauenvasen“ mit ihren Tulpen, die in den weiblichen Torsi stecken. Die Tulpen 
blühen farblich auf, der tönerne Vasenleib, aus dem sie sprießen, hat seine Vitalität 
eingebüßt. Andere weibliche wiederum Torsi erscheinen wie fratzenhafte Gesichter, 
scheinen sich sprachlich artikulieren zu wollen und sind doch ganz in Reglosigkeit 
und Unfarbigkeit verstummt. Ein immanenter Riß geht durch diese Bilder, der 
innere Kampf zwischen Farbigkeit und Verlöschen der Farbe ist dafür einer von 
mehreren Indikatoren.

Der kontinuierliche Wechsel der Bildebenen, der Farbkontraste, der Erzähl-
strukturen erscheint für die bildnerischen Welt von Sigrid Redhardt so elementar 
wie Ebbe und Flut.

Stephan von Wiese

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Fotos: Thomas Ledeganck